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Putin reist nach China Ein Besuch unter Freunden

May 19, 2026  Twila Rosenbaum  4 views
Putin reist nach China
                    Ein Besuch unter Freunden

Ein Besuch unter Freunden

Zu Besuch im ältesten russischen Restaurant in der chinesischen Hauptstadt Peking. Zwei Russinnen in traditionellen Gewändern spielen auf. Der Raum sieht aus wie ein Salon im Zarenreich: opulente Kronleuchter, schwere rot-goldene Vorhänge, große Bilder in Goldrahmen an den Wänden. Seit mehr als 60 Jahren gibt es das Restaurant Moskau. Besitzer ist allerdings das staatliche chinesische Tourismusbüro. Und auch die Gäste hier: ausschließlich Chinesen, die sich an russischem Essen oder russischer Stimmung erfreuen.

Unter ihnen eine Gruppe junger Filmstudenten. Einer von ihnen erzählt, die Beziehung zwischen China und Russland würde immer besser werden. Die beiden Staatschefs Xi Jinping und Wladimir Putin würden bei ihren regelmäßigen Treffen nicht nur politische Fragen diskutieren. Er erinnere sich auch an Szenen aus den Nachrichten, als beide zusammen kochten und Ideen über Essen und Kultur der beiden Länder miteinander teilten. Als er das sah, wollte er auch russisches Essen probieren, so der Student.

Zwei, die voneinander profitieren

Russland – das ist für viele Chinesinnen und Chinesen längst ein wichtiger Partner. Vorgelebt wird das von den beiden Staatschefs. Die Beziehung zwischen Xi und Putin trägt seit mehr als vier Jahren das Label „grenzenlose Freundschaft“. Verkündet wenige Wochen, bevor Russland die Ukraine überfiel. Eine Invasion, die China bis heute nicht verurteilt hat.

Die beiden Seiten sind seither noch enger zusammengewachsen, gerade wirtschaftlich. China kauft große Mengen an Öl und Gas, die Russland nicht mehr an den Westen liefern kann. Und das zu stark vergünstigten Preisen. Dazu liefert China vieles, was Russland durch die Sanktionen des Westens aktuell nur schwer bekommt: Autos, Maschinen, Elektronik, Computerchips.

„Die russische Wirtschaft, die so sehr unter Druck ist gegenüber dem Westen, profitiert enorm davon“, sagt Bernhard Bartsch von der Forschungseinrichtung Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Gerade sogenannte Dual-Use-Güter, die sowohl zivil als auch militärisch wichtig sind, beziehe Russland in den vergangenen Jahren zunehmend von China.

Peking betont zwar immer wieder, es liefere keine Waffen an Russland, nur zivile Produkte. In der Praxis verschwimmen die Grenzen: Ein Chip, der in einem Laptop steckt, kann auch in einer Drohne verbaut werden.

„China möchte nicht, dass Russland als Verlierer aus Ukraine-Krieg hervorgeht“

Der Ukraine-Krieg wird Thema sein zwischen Xi und Putin. Auf Schützenhilfe aus Peking bräuchten die Ukraine und der Westen aber nicht zu hoffen, so Bartsch vom MERICS: „China möchte nicht, dass Russland als Verlierer aus diesem Krieg hervorgeht. Insofern habe ich keinerlei Erwartung, dass China irgendwie seine Unterstützung für Russland zurückfährt oder das groß zu einem Thema machen wird.“

Aus Peking heißt es vor dem Treffen, die Zusammenarbeit zwischen China und Russland solle weiter ausgebaut werden. Guo Jiakun, Sprecher des chinesischen Außenministeriums, erklärte, beide Seiten würden dies als Gelegenheit nutzen, die chinesisch-russischen Beziehungen kontinuierlich auf eine tiefere Ebene und auf ein höheres Niveau zu heben.

Viel Pomp wohl nicht nötig

Der Besuch von US-Präsident Donald Trump wird ebenfalls Thema zwischen Xi und dem russischen Staatschef sein. Beobachter sind sich sicher: Putin wird deutlich weniger Pomp bekommen als Trump. Doch für Bartsch sagt das wenig aus.

„Putin hat von China in der Vergangenheit viel größere Vertrauensbeweise bekommen. Beide haben wechselseitig an ihren großen Paraden im letzten Jahr teilgenommen. Im Vergleich dazu sind ein paar Blumenkinder, die Trump jetzt bekommen hat, eigentlich relativ billiges Fernsehen. Wo, so würde ich es mir vorstellen, Putin und Xi ein bisschen belustigt darüber sein werden, dass man Trump mit solchen einfachen Tricks eingefangen bekommt.“

China hat geopolitisch vor allem ein langfristiges Ziel: Die bisher von den USA dominierte Weltordnung ein Stück weit neu zu ordnen. Russland ist auf diesem Weg als wichtiger Partner vorgesehen.

Die Geschichte der chinesisch-russischen Beziehungen reicht weit zurück. Bereits in den 1950er Jahren unterstützte die Sowjetunion die junge Volksrepublik China mit Technologie und Beratern. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kühlten sich die Beziehungen zunächst ab, doch seit der Jahrtausendwende näherten sich beide Länder wieder an. Besonders unter Xi Jinping und Wladimir Putin entwickelte sich eine strategische Partnerschaft, die auf gegenseitigem Respekt und wirtschaftlichen Interessen basiert.

Ein zentraler Pfeiler dieser Partnerschaft ist die Energieversorgung. Russland ist einer der größten Öl- und Gasproduzenten der Welt, China der größte Energieimporteur. Die beiden Länder haben mehrere Pipelineprojekte realisiert, darunter die „Power of Siberia“-Pipeline, die russisches Erdgas nach Nordostchina liefert. Diese Projekte haben nicht nur wirtschaftliche Bedeutung, sondern auch geopolitische Implikationen, da sie die Abhängigkeit Chinas von Seewegen durch die Meerenge von Malakka verringern.

Neben Energie spielt der Technologietransfer eine immer wichtigere Rolle. Russland ist auf chinesische Mikrochips und elektronische Komponenten angewiesen, um seine Rüstungsindustrie am Laufen zu halten. China wiederum nutzt russische Militärtechnologie, um eigene Waffensysteme zu verbessern. Diese symbiotische Beziehung hat sich seit dem Ukraine-Krieg noch verstärkt, da der Westen seine Sanktionen verschärft hat.

Die Ukraine-Frage ist der wunde Punkt in der Freundschaft. Während China in UN-Resolutionen oft enthielt oder gegen westliche Resolutionen stimmte, vermeidet es eine offene Verurteilung Russlands. Peking plädiert für eine diplomatische Lösung, lehnt jedoch einseitige Sanktionen gegen Moskau ab. Diese Position bringt China in einen Gegensatz zu den USA und Europa, die mehr Druck auf Peking ausüben wollen.

Vor dem Hintergrund dieser komplexen Beziehungen ist Putins Besuch mehr als ein protokollarisches Ereignis. Es ist ein Zeichen der Verbundenheit in einer Zeit, in der die Weltordnung neu verhandelt wird. Während Trump auf provokante Auftritte und öffentlichkeitswirksame Inszenierungen setzt, pflegen Xi und Putin eine tiefere, wenn auch weniger medienwirksame Verbindung. Sie tauschen sich nicht nur über politische, sondern auch über kulturelle und persönliche Themen aus – wie jene gemeinsame Kochsession, von der die Filmstudenten im Moskau-Restaurant so begeistert erzählten.

Der Besuch wird von zahlreichen Wirtschaftsabkommen und einem Kulturaustausch begleitet. Russische Künstler treten in Peking auf, chinesische Touristen besuchen erstmals russische Städte wie Wladiwostok oder Moskau. Die beiden Länder fördern den Tourismus und den studentischen Austausch, um die Bindung auf zivilgesellschaftlicher Ebene zu stärken. In chinesischen Universitäten werden zunehmend Russischkurse angeboten, während in Russland Chinesisch als zweite Fremdsprache nach Englisch an Bedeutung gewinnt.

Dennoch gibt es auch kritische Stimmen. Einige chinesische Intellektuelle warnen vor einer zu engen Bindung an Russland, da dies China in Konflikte mit dem Westen verwickeln könnte. Andere sehen in der Partnerschaft eine Chance, die Abhängigkeit von der US-Dominanz zu verringern. Die chinesische Führung scheint den Mittelweg zu wählen: Sie pflegt gute Beziehungen zu Russland, ohne die Handelsbeziehungen zu den USA vollständig zu opfern.

Wie lange diese „grenzenlose Freundschaft“ hält, hängt von vielen Faktoren ab. Der Ausgang des Ukraine-Krieges, die Entwicklung der US-China-Beziehungen und die innenpolitische Stabilität in beiden Ländern werden darüber entscheiden. Eines ist jedoch klar: Der Besuch Putins in Peking ist ein weiterer Meilenstein in einer Beziehung, die die Weltpolitik der nächsten Jahrzehnte prägen wird.


Source: tagesschau.de News


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